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Promotionstandem 6:

Inzivilität in der politischen Online-Kommunikation: Typen, Ursachen, Wirkungen und Interventionen

Ansatz­punkt des Vor­ha­bens ist, dass die Poten­tia­le der Online-Kom­mu­ni­ka­ti­on sehr unter­schied­lich genutzt wer­den – auch in inzi­vi­ler Wei­se. Dar­un­ter soll ein Ver­hal­ten ver­stan­den wer­den, das inten­tio­nal gegen grund­le­gen­de kom­mu­ni­ka­ti­ve Nor­men der bür­ger­schaft­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung ver­stößt, wie bei­spiels­wei­se Pöbe­lei und Be­drohung. Inzi­vi­le Kom­mu­ni­ka­ti­on scheint in Online-Kon­tex­ten ver­stärkt auf­zu­tre­ten und erweist sich in vie­len Kon­tex­ten als drän­gen­des Pro­blem – in der Bürgerbeteili­gung, bei öffent­li­chen Debat­ten oder bei Dis­kus­sio­nen in poli­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen. Es müs­sen Wege gefun­den wer­den, um ange­mes­sen zu inter­ve­nie­ren, und zwar durch gra­du­ell abge­stuf­te und unter­schied­lich aus­ge­präg­te For­men der Bewältigung.

Die Leit­fra­ge lau­tet somit: Wie kann Inzi­vi­li­tät in poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen erkannt, erklärt und bewäl­tigt werden?

Das Ver­ständ­nis von Inzi­vi­li­tät soll­te sich nicht auf schlech­te Manie­ren beschrän­ken, das von Zivi­li­tät nicht auf Höf­lich­keit. Wenn man Zivi­li­tät anspruchs­vol­ler be­greift als ange­mes­se­ner Umgang mit Unter­schied­lich­keit in bür­ger­schaft­li­chen Ausei­nandersetzungen, dann ist Inzi­vi­li­tät der unan­ge­mes­se­ne Umgang mit Dif­fe­renz zwi­schen Per­so­nen und Posi­tio­nen, der Kom­mu­ni­ka­ti­on behin­dert statt vor­an­bringt. Dies betrifft vor allem den wech­sel­sei­ti­gen Respekt der Teil­neh­mer. Inhalt­lich bedeu­tet Zi­vilität, dass Bei­trä­ge für das jewei­li­ge The­ma rele­vant sind, Posi­tio­nen begrün­det und ver­schie­de­ne Per­spek­ti­ven akzep­tiert wer­den. In pro­zes­sua­ler Hin­sicht bedeu­tet dies Dia­log statt Mono­log. Über­grei­fen­des Ziel ist ein for­schungs­ba­sier­tes Instrumenta­rium, um „robus­te Zivili­tät“ (T.G. Ash) wahr­schein­li­cher zu machen, also eine bürger­schaftliche Kommunika­tion, die Unter­schie­de aus­hält. Die­ses Instru­men­ta­ri­um soll kon­text­spe­zi­fisch für Ver­antwortliche zur Ver­fü­gung ste­hen. Es zielt weni­ger auf staat­lich-regu­la­ti­ve Maßnah­men gegen hate speech oder fake news, son­dern auf zivil­ge­sell­schaft­li­che Maßnah­men, etwa Regeln und Instru­men­te für Com­mu­ni­ty Mana­ge­rin­nen von Platt­for­men, Redak­teu­re oder PR-Expertinnen.

Dar­aus erge­ben sich vier Unter­su­chungs­schrit­te, mit denen ein Bogen von der Er­kennung von Inzi­vi­li­tät bis hin zu Inter­ven­ti­on gespannt wer­den kann. (1) Inzi­vi­le In­halte und For­men sol­len dif­fe­ren­ziert erkannt und sys­te­ma­ti­siert wer­den. Dafür müs­sen Merk­ma­le von Inzi­vi­li­tät defi­niert und Typen von Inzi­vi­li­tät gebil­det wer­den. Die Typen­bil­dung erfolgt theo­re­tisch-deduk­tiv und wird empi­risch geprüft, indem ana­lysiert wird, was Betei­lig­te als inzi­vil beur­tei­len. Die Typo­lo­gie soll die auto­ma­ti­sche Erken­nung mit com­pu­ta­tio­na­len Metho­den ermög­li­chen. Umge­kehrt erlaubt der Auto­matisierungsprozess, die Typo­lo­gie zu über­prü­fen. (2) Inzi­vi­li­tät soll schlüs­sig erklärt wer­den: Wel­che kogni­ti­ven, emo­tio­na­len, moti­va­tio­na­len und kona­ti­ven Fak­to­ren hän­gen mit Inzi­vi­li­tät zusam­men? Was zeich­net die kom­mu­ni­ka­ti­ven Situa­tio­nen aus, in denen inzi­vi­le Bei­trä­ge plat­ziert wer­den? Dies betrifft vor allem die kom­mu­ni­ka­ti­ve Dyna­mik, aus der her­aus Inzi­vi­li­tät zu- oder abnimmt. (3) Inzi­vi­li­tät soll auf ihre Wir­kung hin unter­sucht wer­den: Wie neh­men Betei­lig­te die Urhe­ber von Inzi­vi­li­tät wahr? Wie ver­än­dern sich Ein­stel­lun­gen zum jewei­li­gen Pro­blem und zur Dis­kus­si­on? Und führt die Beob­ach­tung von Inzi­vi­li­tät zu inzi­vi­lem Ver­hal­ten? (4) Der Inzi­vi­li­tät soll be­gegnet wer­den: Es sol­len Wege der Bewäl­ti­gung ent­wi­ckelt und auf ihre Wirk­sam­keit hin getes­tet wer­den. Dabei kom­men tech­ni­sche, regu­la­ti­ve und kom­mu­ni­ka­ti­ve Opti­onen für Inter­ven­ti­on zum Ein­satz. In dem Vor­ha­ben wer­den kom­ple­men­tä­re fachli­che Exper­ti­sen der Princi­pal In­vesti­gators kom­bi­niert: Nico­le Krä­mer ermög­licht eine Pro­mo­ti­on in Psy­cho­lo­gie (Schritt 2 und 3; Arbeits­ti­tel: Psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nis­men der Ursa­chen und Wir­kungen von inzi­vi­lem Ver­hal­ten), Ger­hard Vowe ermög­licht eine Pro­mo­ti­on in Kom­munikations­wissenschaft (Schritt 1 und 4; Arbeits­ti­tel: Wie kann Zivi­li­tät in bürger­schaftlichen De­batten geför­dert und Inzi­vi­li­tät gehemmt wer­den?). Die Promovieren­den sol­len bei je­dem Schritt eng zusam­men­ar­bei­ten und je zwei Publi­ka­tio­nen mit den Betreue­rIn­nen sowie zwei gemein­sa­me Publi­ka­tio­nen ohne Betreue­rIn­nen ver­fassen und so eine kumu­la­ti­ve Pro­mo­ti­on anstreben.

Die Vie­rer­ket­te der Unter­su­chungs­schrit­te von Erken­nen bis Bewäl­ti­gen soll in unter­schiedlichen poli­tisch-kom­mu­ni­ka­ti­ven Kon­tex­ten unter­sucht wer­den, und zwar in jour­na­lis­ti­schen Foren (Kom­men­tar­spal­ten zu jour­na­lis­ti­schen Bei­trä­gen), in der Bür­gerbeteiligung an kom­mu­na­len Ent­schei­dungs­pro­zes­sen (Bud­get- oder Verkehrspla­nung), in pro­blem­spe­zi­fi­schen Foren (z.B. zu Imp­fung oder Kli­ma­wan­del) und in Fo­ren poli­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen (z.B. Par­tei­en oder NGOs). Dabei wird jeweils mit Pra­xis­part­nern koope­riert. In einem erwei­ter­ten mul­ti­me­tho­di­schen Ansatz wer­den nor­ma­ti­ve, theo­re­ti­sche, empi­ri­sche, prak­ti­sche und tech­ni­sche Zugrif­fe auf das The­ma ver­knüpft. So fol­gen aus der empi­ri­schen Unter­su­chung Vor­ga­ben für die Inter­ven­ti­on, deren Wir­kung wie­der­um empi­risch getes­tet wird. Ins­ge­samt ergibt sich auf die­se Wei­se eine Spi­ra­le aus Erkennt­nis und Rea­li­sie­rung. Als empi­ri­sche Me­thoden kom­men Inhaltsana­lyse, Befra­gun­gen, Expe­ri­men­te und Simu­la­tio­nen zum Ein­satz. So kön­nen in Online-Expe­ri­men­ten die Para­me­ter für das Erken­nen von In­zivilität vari­iert wer­den; in Simu­la­tio­nen kann geprüft wer­den, wie Gra­de von Inzi­vi­li­tät den wei­te­ren Diskussi­onsverlauf bestim­men. Die auto­ma­ti­sier­te Erken­nung dient als Test für das Ver­ständnis der Zusam­men­hän­ge. Auf die­se Wei­se kann ein dich­ter Begriff von Inzi­vi­li­tät ent­wi­ckelt wer­den, der dann durch Ska­len­ent­wick­lung eva­lu­iert wird: Was sind aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven schwer- und was sind leichtwie­gende Norm­ver­stö­ße? Wie unter­schei­den sich dabei die Grup­pen von Nutzenden?

Das Vor­ha­ben erfüllt die programmati­schen Inten­tio­nen des Gra­du­ier­ten­kol­legs „Digi­ta­le Gesell­schaft“. Denn mit den Pro­mo­tio­nen wird dazu bei­getra­gen, den digi­ta­len Wan­del so zu gestal­ten, dass de­mokratische Debat­ten ge­stärkt wer­den. Inzi­vi­li­tät in der poli­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung verhin­dert nicht nur sach­li­chen Dis­kurs und ver­stärkt radi­ka­le Ein­stel­lun­gen, son­dern be­wirkt auch, dass poten­zi­ell Bei­tra­gen­de abge­hal­ten wer­den, sich an Dis­kussionen zu betei­li­gen. Eine Ein­schrän­kung von Inzivili­tät trägt folg­lich dazu bei, dass sich mehr Per­so­nen am poli­ti­schen Dis­kurs betei­li­gen. Inso­fern adres­siert das Vor­ha­ben vor allem vier in der Aus­schrei­bung genann­te As­pekte: 1) Demo­kra­tie im digi­ta­len Umfeld, 2) Digi­ta­le Wer­te­ord­nung; Frei­heit der Men­schen und Regeln des digi­ta­len Zusam­men­le­bens, 3) Pri­vat­heit, Öffent­lich­keit und digi­ta­le Dis­kurs­kul­tur; Ver­hal­ten im Netz; Wir­kun­gen und Gestaltungsperspekti­ven, 4) Medienkompetenz.

Die Pro­mo­ti­ons­pro­jek­te wid­men sich mit kom­ple­men­tä­ren Ansät­zen der gemein­sa­men Fra­ge „Wie kann Inzi­vi­li­tät in poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen erkannt, erklärt und bewäl­tigt wer­den?“. Metho­disch wer­den dabei einer­seits kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Tra­di­tio­nen genutzt (theo­re­­tisch-deduk­ti­ve Sys­te­ma­ti­sie­rung von Inzi­vi­li­tät) und kom­mu­ni­ka­ti­ons­prak­ti­sche An­sätze ver­folgt (Exper­ti­se bei der Erpro­bung von Inter­ven­ti­on). Ande­rer­seits kom­men psy­cho­lo­gi­sche Rezep­ti­ons- und Wir­kungs­an­sät­ze zum Tra­gen, die in expe­ri­men­tal-psy­cho­lo­gi­schen Stu­di­en über­prüft wer­den, um die Mecha­nis­men der Ent­ste­hung und Wir­kung von Inzi­vi­li­tät zu ver­ste­hen. Hin­zu kommt Exper­ti­se, um psy­cho­lo­gi­sche Metho­den mit com­pu­ta­tio­na­lem Vor­ge­hen der Infor­matik zu verbinden.

Pro­mo­ti­ons­pro­jekt 1:
Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Pro­mo­ti­on von Mari­ke Bormann

Arbeits­ti­tel: „Wie kann Zivi­li­tät in bürger­schaftlichen De­batten geför­dert und Inzi­vi­li­tät gehemmt werden?“

Die kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­li­che Pro­motion unter­sucht, wel­che Typen von inzi­vi­lem Ver­hal­ten unter­schie­den wer­den kön­nen und mit wel­chen Maß­nah­men Jour­na­lis­ten, Forums­ma­na­ge­rin­nen oder auch Be­teiligte zivi­les Ver­hal­ten för­dern und inzi­vi­les Ver­hal­ten wirk­sam bekämp­fen kön­nen. Der metho­di­sche Schwer­punkt liegt auf der Erken­nung und Sys­te­ma­ti­sie­rung von inzi­vi­len Inhal­ten und For­men. Die Typen­bil­dung erfolgt theo­re­tisch-deduk­tiv sowie durch Inhalts­ana­ly­sen und wird empi­risch geprüft, indem ana­lysiert wird, was Betei­lig­te als inzi­vil beur­tei­len. Die Typo­lo­gie soll die auto­ma­ti­sche Erken­nung mit com­pu­ta­tio­na­len Metho­den ermög­li­chen. Umge­kehrt erlaubt der Auto­matisierungsprozess, die Typo­lo­gie zu über­prü­fen. Wei­ter­hin sol­len Wege der Bewäl­ti­gung ent­wi­ckelt und auf ihre Wirk­sam­keit hin getes­tet wer­den. Dabei kom­men tech­ni­sche, regu­la­ti­ve und kom­mu­ni­ka­ti­ve Opti­onen für Inter­ven­ti­on zum Ein­satz, die in empi­ri­schen Stu­di­en auf ihre Wirk­sam­keit geprüft werden.

Pro­mo­ti­ons­pro­jekt 2:
Medi­en­psy­cho­lo­gi­sche Pro­mo­ti­on von Jan-Phil­ipp Kluck

Arbeits­ti­tel: „Psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nis­men der Ursa­chen und Wir­kungen von inzi­vi­lem Verhalten“

Die medi­en­psy­cho­lo­gi­sche Pro­mo­ti­on unter­sucht, durch wel­che Moti­ve das inzi­vi­le Ver­hal­ten erklärt wer­den kann und wel­che Aus­wir­kun­gen es auf die Betei­lig­ten hat. Zur Erklä­rung von inzi­vi­lem Ver­hal­ten soll ana­ly­siert wer­den, wel­che kogni­ti­ven, emo­tio­na­len, moti­va­tio­na­len und kona­ti­ven Fak­to­ren mit Inzi­vi­li­tät zusam­men­hän­gen und was die kom­mu­ni­ka­ti­ven Situa­tio­nen aus­zeich­net, in denen inzi­vi­le Bei­trä­ge plat­ziert wer­den. Zusätz­lich soll Inzi­vi­li­tät auf ihre Wir­kung hin unter­sucht wer­den: Wie neh­men Betei­lig­te die Urhe­ber von Inzi­vi­li­tät wahr? Wie ver­än­dern sich Ein­stel­lun­gen zum jewei­li­gen Pro­blem und zur Dis­kus­si­on? Und führt die Beob­ach­tung von Inzi­vi­li­tät zu inzi­vi­lem Ver­hal­ten? Zur Klä­rung bei­der Fra­gen­kom­ple­xe kom­men vor allem expe­ri­men­tal­psy­cho­lo­gi­sche Stu­di­en, aber auch Inhalts­ana­ly­sen zum Einsatz.

Beteiligte Hochschulen

Projektbeteiligte

Princi­pal Investigator

Princi­pal Investigator

Pro­mo­ven­din

Pro­mo­vend